Mein Freund

"...und was hast Du so über die Feiertage gemacht?"

Mit einem Leuchtem in den Augen, das dem Alpenglühen in nichts nachsteht, hat mir mein Freund gerade von seinem Skiurlaub vorgeschwärmt.

"Wir waren Paddeln! Es war super viel Wasser auf dem Bach! Am zweiten Tag war der Neopren natürlich noch kalt und naß vom Vortag, aber die Dinger werden ja Ruck-Zuck warm - wenn sie feucht sind. Außerdem waren wir sowieso beim Umziehen naß und durchfrohren - es hat ja da noch wie doof geschneit. Und nach hundert Metern im Boot kamen schon in die ersten dickeren Wellen - fünf Minuten früher oder später - was soll’s. Bis wir die Boote im Wasser hatten, sind wir schon ins Schwitzen gekommen, es ging einen verschneiten Abhang ‘runter, drunter nur Felsen und dann mit Gummipfoten - das wird schnell wie ein nasses Stück Seife auf feuchten Fliesen."

Diese Art von Wintersport scheint mein Freund nicht zu kennen. Irritiert runzelt er die Stirn und scheint mich nicht ganz verstehen zu wollen.

"Der Schnee war toll - alles in so einer gedämpften Ruhe! Es sah richtig weihnachtlich aus! Das schöne an Heilig Abend ist, daß es dann auf den Bächen nicht so voll ist. Leider war weiter unten dann kein Schnee mehr. Wir hätten aber auch kaum Zeit gehabt, darauf zu achten. Da kamen dann die Dinger doch etwas verschärfter. Bei so einem Sauwetter, schweinekalter Nieselregen, klappen dann auch die Eskimorollen plötzlich wie von selbst. Da schwimmen zu müssen, das würde ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen! Es war ein super Paddeln über die Feiertage. Und der Schnee: ganz toll!"

Und wie der Schnee an diesen schönen Paddeltagen, so schmelzen auch die zufriedenen Gesichtzüge meines Freundes dahin und näheren sich dem hiesigen regengrau. Aber vieleicht kann ich ja das verwunderte Gesicht, ob meiner Wintererlebniss, gleichsam unter Neuschnee begraben.

"Es müssen ja nicht unbedingt die heissen Bäche an so kalten Tagen sein. Wir sind auch schon mal, bei wunderschönem Schnee, die Erft gepaddelt. Das war an diesem Sylvester, als es so unsagbar kalt war - nachts, klar. Es war so kalt, daß das Wasser am Paddel festgefroren ist, wenn man das Blatt aus dem Wasser gezogen hat und die Tropfen sind als richtig runde Tropfen auf dem Boot angefroren, bevor sie zurück ins Wasser laufen konnten. Und einer konnte das Paddel nicht mehr weglegen - Paddelschaft naß, Neoprenhandschuhe naß - Pech gehabt! Er hat trotzdem auch was vom Glühwein abbekommen - er konnte nur kein eigenes Becherchern halten, er hing ja an seinem Paddel. öber der Erft schwadete der Nebel, ziemlich dicht bei den Temperaturen, und außen alles weiß vom Schnee. Das war ein ganz toller Jahreswechsel!"

Und anstatt sich dieses Wintererlebnis zu erfreuen, schüttelt mein Freund ganz traurig sein weises Haupt und legt seinen Stirn in tiefe Falten.

"Gut: zum Paddeln muß es weder kalt noch naß sein. Wir haben auch schon bei schönem Wetter ganz tolle Fahrten gemacht, zum Beispiel auf der Lahn - jedes Jahr. Das Gepäck kommt ins Boot und dann schau19n wir uns drei Tage ganz gemütlich die Gegend an. Abends wird gegrillt und im Zelt geschlafen. Und wenn über allem noch die Sonnen lacht, dann lacht einem auch das Herz!"

Dem Gesichtsausdruck meines Freundes entnehme ich, daß ich auf dem richtigen Wege bin. "Gutes Wetter haben wir auch fast immer beim Abpaddeln - beim Anpaddeln natürlich auch. Aber Abpaddeln ist aber immer eine Nummer schärfer als Anpaddeln. Es ist auch kein richtiges Paddeln mehr, Abtreiben und Absaufen paßt eigentlich viel besser. Und für alle, die das Bootshaus noch zeitig erreichen, gibt’s dann Kaffee und Kuchen. Beim Grillen am Lagerfeuer werden dann mit Bier die letzten Schwimmer begrüßt." Den letzten Satz möchte ich, kaum ausgesprochen, sofort zurück nehmen. Schlagartig verdunkelt sich, gleich einer bedrohlichen Gewitterfront an einem sonnigen Tag, die Miene meine Freundes.

"Und ansonsten Paddeln wir halt auch mal einfach nur so, nur ein wenig, der körperlichen Ertüchtigung wegen, in netter Gesellschaft und in angeregter Unterhaltung, die Natur genießend und an nichts Böses denkend (vor allem nicht an Alkohol!), und erfreuen uns des Tages (obwohl gerade dieses viel besser ginge mit einem hübschen Mädchen im Arm, in der anderen Hand eine Flasche Wein und mit einem liederlichen Lied auf den Lippen) und..."

Und die dunkelen Wolken über dem Gesicht meines Freundes entpuppen sich als Sommergewitter. ("Die Sprache ist dem Menschen gegeben, seine Gedanken zu verbergen", Tallegrand) "Außerdem müssen wir ja nicht Paddeln, um Sport zu treiben. Es gibt mindestens dreimal in der Woche Trainingsmöglichkeiten in der Sporthalle oder auf dem Fußballplatz. Für die Kanuten, die ein wenig wasserscheu sind."

Diese leichte Ironie mag meinem Freund nicht gefallen. Er straft mich mit einem bösen Blick, als hätte ich ihn gar selbst beleidigt.

"Und für die Kanuten, die nicht wasserscheu sind, gibt's Samstag im Schwimmbad die Möglichkeit zum Eskimotieren - oder einfach nur zum Schwimmen."

Als Mitglied in einem seriösen Sportverein steige ich in nun in der Achtung meines Freundes. Er quittiert es mit einem leichten Nicken.

"Und wenn wir nicht gerade Sport treiben, dann feiern wir - nicht nur nach dem Abpaddeln - Karneval beispielsweise oder Sommerfeste! Beim Sommerfest gibt es auch Kuchen und Kaffe und Unterhaltung. So ein Fest ist immer so gut, wie die Leute, die daran teilnhemen - und wir haben viele nette Leute im Verein" Meinen vom Wintersport so begeisterten Freund scheint der Gedanke an Sommerfeste zu erfreuen.

"Ganz toll sind auch unsere Nikolausfeiern. Da kommt sogar ein Nikolaus und bringt den Kindern Tüten - je nach Laune des Nikolaus natürlich erst nach einem Lied oder einem Gedicht. Und für die Erwachsenen gibt's Kaffee und Kekse und riesige Stutenkerle. Nein, wir essen nicht das ganze Jahr nur Kuchen."

Und mein Freund lächelt beglückt, als hätt's über Nacht einen Meter Pulverschnee gegeben.

Mein Freund ist schon am Bootshaus gesichtet worden - etwas zögerlich in der Turnhalle. Jemand hat ihn schon im Boot gesehen, sogar auf einer Gepäcktour! Selbst beim Abpaddeln(!) ist er dabei gewesen! Er soll sogar beim Nikolaus am Bootshaus eine wichtige Rolle gespiel haben.

Es wird Zeit, daß ihm jemand erzählt, wie Paddeln wirklich ist.

Jens