Im Eskimoboot auf Schlingerkurs

Der Kanu Club wirbt mit neuen Kursen für seinen Sport. Die WZ nahm die Offerte an und machte eine Probefahrt.

Von Birgit Grigo

Selbstverständlich kann ich meine Arme gleichmäßig bewegen. Dachte ich. Bis gestern. Jetzt sitze ich in einem engen Kajak und konzentriere mich auf die Spitze des lilafarbenen "T Canyon". Geradeaus würde ich gerne fahren, weiter nichts. Aber das Ergebnis der Bemühungen ist ein Schlingerkurs, gekrönt von kompletten Drehungen. So lassen sich die Gärten am Ufer der Erft zwar in aller Ruhe betrachten. Aber Zweck der Paddelei ist das schließlich nicht.

"Gleichmäßig neben dem Boot einstechen" erklärt Kajak-Lehrer Günter Gauls. "Die rechte Hand hält das Paddel fest, in der linken wird es regelmäßig bei jedem Schlag gedreht." Hört sich doch ganz einfach an. Klappt aber nicht. Gauls tröstet - schließlich habe auch er im vergangenen Sommer mit Kreisen angefangen, berichtet der 41jährige und legt selbst eine elegante, vor allem aber gewollte Drehung hin.

Was der Kaufmann heute als Freizeitsport genießt, das war für die Erfinder des langen schmales Bootes schlicht der Überlebenswille: Eskimos in Sibirien, Grönland und Nordamerika nutzen den Kajak fast ausschließlich zur Jagd, entwickelten das fellbespannte Boot im Laufe der Jahrtausende weiter und erfanden auch die Technik, mit der man sich nach dem Kentern wieder aufrichten kann: die Eskimorolle. Ein schottischer Rechtsanwalt machte das Kajakfahren bei Touren mit seinem Holzboot Mitte vergangenen Jahrhunderts in Europa bekannt. Anfang dieses Jahrhunderts wurde das Kanu mit der schmalen Luke für sportliche Wettkämpfe entdeckt. Slalom und Rennen sind mittlerweile olympische Disziplinen.

Zwischen den 1960er und 80er Jahren holten auch Mitglieder des Kanu Clubs Grevenbroich etliche Medaillen bei internationalen Vergleichen, erinnert Gauls.

Ich jedenfalls werde mich mit dem Flusswandern begnügen. Mittlerweile hält das Boot sogar streckenweise den gewünschten Kurs. Langsam gleite ich an Schwänen mit ihren Küken vorbei, grüße Angler und genieße den Blick auf Kastanien und Gräser. Vom Wasser aus wirkt Grevenbroich wie ein einziges Idyll. Nur Vogelzwitschern und die gleichmäßigen Schläge unserer Paddel sind zu hören. Ein Sport, den ich glatt nochmal ausüben konnte, zumal Gauls Aussichten auf weniger Drehungen macht: "Beim dritten Mal haben Sie sich an die Grundschläge gewöhnt."

Etwas kippelig ist nicht nur das Aussteigen aus dem empfindlichen Boot, sondern auch meine Knie sind ein wenig weich, als ich wieder Boden unter den Füßen spüre: Ein leichter Seemannsgang schleicht sich in die Beine. Und das Gefühl in den Armen verheißt Muskelkater. Aber der Ehrgeiz ist geweckt: Beim nächsten Mal übe ich das Einsteigen und die verschiedenen Schlagarten intensiver. Nur mit der Eskimorolle lasse ich mir noch viel Zeit.

Fakten - Erft ist kein Badegewässer

"Die Erft ist nicht anders belastet als andere Flüsse auch", betont Timm Schindler vom Erftverband in Bergheim. Doch keimfrei ist das Wasser nicht, da zahlreiche Kläranlagen in den Fluss einleiten: Schlucken sollte man nichts", warnt Schindler. Karsten Mankowsky, Kreis-Gesundheitsdezernent, geht noch weiter: Die Erft sei kein Badegewässer, Bakterien könnten Erbrechen oder Durchfallerkrankungen hervorrufen.

WZ Westdeutsche Zeitung, Grevenbroich - Kreis Neuss, Samstag 5. Juni 1999

zurück

weiter