Die Erft - ein tropischer Fluss?

Vorsicht! Piranhas in der Erft " schockte eine Schlagzeile in der Bild-Zeitung ihre Leser, und tatsächlich zogen Angler in den letzten zehn Jahren insgesamt drei Piranhas oder Verwandte dieser südamerikanischen Fische aus der Erft, zuletzt im September 2002 ein 50 cm langes Exemplar.

Obwohl solche Tiere keine Gefahr für Angler, Bootsfahrer oder Schwimmer darstellen, stellt sich die Frage, wie sie denn überhaupt in die Erft gelangen, geschweige denn dort überleben können.

Der erste Teil der Frage ist leicht zu beantworten, weil Piranhas in vielen Zoogeschäften zum Kauf angeboten werden. Wird man der gekauften Tieren überdrüssig, ist der Weg zum nächsten Gewässer meist nicht weit ... Sind die ehemaligen "Hausgenossen" einmal in der Erft gelandet, ist es durchaus möglich, dass sie zumindest für kurze Zeit überleben; denn der Unterlauf unseres Flusses führt vergleichsweise warmes Wasser. Zwar steigt die Temperatur im Sommer nicht höher als in anderen sog. "sommerwarmen" Gewässern, doch im Winter, wenn benachbarte Bäche bereits gefrieren, fällt die untere Erft nicht unter 10 °C. Ursache ist das für die Trockenhaltung der Braunkohlentagebaue gehobene Grundwasser, das mit Temperaturen bis 24 °C an mehreren Stellen eingeleitet wird. Die Einleitmenge, die in den 60er und 70er Jahren zeitweise 25 m?/s überstieg, liegt heute mit etwa 8 m?/s immer noch über der im Unterlauf natürlichen Abflussmenge.

Das erwärmte Wasser ermöglicht Wärme liebenden Pflanzen und Tieren aus den Tropen oder Subtropen, die hierzulande spätestens im Winter verenden, das Überleben, teilweise sogar die Vermehrung in der Erft. Allerdings sind die vorkommenden "Exoten" (vgl. Tabelle) weniger spektakulär als die Piranhas, dafür aber zweifelsfrei dokumentiert.

Schon 1966 fand Günther Friedrich eine in Indien beheimatete Rotalge, deren schmutziggrüne Triebe meterlang werden können, heute aber meist als kümmernde Exemplare in der Erft vorkommen. Auffälliger sind die teilweise dichten Bestände des aus Südamerika stammenden Wasser-Tausendblatts und der Dichtblättrigen Wasserpest, beides beliebte Aquarienpflanzen. Bis heute wurden fünf weitere nicht heimische Pflanzenarten, teilweise Einzelfunde, beschrieben, darunter das Mexikanische Eichenblatt, das erstmalig für europäische Freilandgewässer 1992 in der Erft entdeckt wurde.

Auch unter den Tieren der Erft gibt es "Neubürger" (sog. Neozoen), die aber nicht unbedingt auf das erwärmte Wasser angewiesen sind. So stammt der sich offensichtlich in den Nebengewässern der Erft vermehrende Blaubandbärbling aus dem östlichen Russland und nördlichen Asien, während der Sonnenbarsch in Nordamerika beheimatet ist.

Ausgesetzte Schmuckschildkröten nutzen die Erft als winterliches Rückzugsgebiet, kommen aber auch in kühleren Gewässern vor. Eindeutig Wärme liebend sind dagegen der seit den 60er Jahren zahlreich vorkommende Getigerte Strudelwurm und ein seinerzeit für Deutschland erstmals beschriebener Ringelwurm.

Weitere Neozoen wie nordamerikanische Kamberkrebse, chinesische Wollhandkrabben, Istrische Asseln und asiatische Körbchenmuscheln wandern vom Rhein ausgehend in die Erft. Während diese über Schiffe und Kanäle wie den Rhein-Main-Donau-Kanal in unsere Gewässer gelangen, stammen die Wärme liebenden Arten eher aus Aquarien.

Die meisten Zuwanderer schaffen es nicht, sich dauerhaft in der Erft zu etablieren, so auch der Piranha. Denn würde er sich wirklich wohlfühlen, fänden wir ihn sicher häufiger, und erst in diesem unwahrscheinlichen Fall wäre es gerechtfertigt, über Piranhas in der Erft als Sensation zu berichten.

Fremdländische Tiere (Neozoen) der Erft und ihre Herkunft:

Fremdländische Pflanzen (Neophyten) der Erft und ihre Herkunft:

Quelle: Erftverband, Bergheim